A. Motorisches Lernen

Wie in den letzten Beiträgen erläutert, stell die Förderung von motorischen Lernprozessen eine Kernaufgabe von Trainerinnen dar. Es beschreibt die relativ überdauernde, auf Übung oder Erfahrung beruhende Änderung in der Fähigkeit, eine motorische Fertigkeit zu produzieren.

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Die OPTIMAL Theorie
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Im Jahr 2016 stellten Gabriele Wulf und Rebecca Lewthwaite eine Theorie zum motorischen Lernen auf, welche die Bedingungen und Faktoren herausstellt, die für den Lernprozess wesentlich sowie förderlich sind. Im Zentrum dieser sogenannten OPTIMAL-Theorie (“Optimizing Performance Through Intrinsic Motivation and Attention for Learning”) stehen zwei motivationale und ein aufmerksamkeitsbezogener Faktor.

Diese drei Faktoren bieten Ansatzpunkte für Trainerinnen, um die motorischen Lernprozesse einer Sportlerin zu fördern.

B. Motivationale Faktoren

Motiviert ist eine Sportlerin im Kontext des Bewegungslernens dann, wenn Bewegungsziele und die damit verbundenen Bewegungsergebnisse eine hohe Relevanz für die Sportlerin haben und diese für ihr (positives) Bewegungsergebnis selbst verantwortlich ist.

Nach der OPTIMAL-Theorie findet sich ein motivationaler Faktor in den erhöhten Erwartungen an die eigene Bewegungskompetenz. Erhöhte Erwartungen an die eigene zukünftige Leistung beeinflussen das Lernen positiv, da diese Erwartungen in Kombination mit positiven Bewegungserfahrungen innerhalb des Lernprozesses zu einer Dopamin-Freisetzung führen könne. Diese verbessert wiederum sowohl die akute Leistung als auch die Verinnerlichung des Gelernten und bietet somit das perfekte „chemische Milieu“ für motorisches Lernen. Um eine optimale Dopamin-Ausschüttung zu gewährleisten, ist eine Kombination aus herausfordernden Bewegungsbedingungen nötig, welche ein motivierendes Wechselspiel aus Erfolg und Misserfolg bietet.

Die Schwierigkeit einer Bewegungsaufgabe beeinflusst dabei den erzielten Anteil von Erfolg und Misserfolg maßgeblich und wird von der Trainerin mitbeeinflusst. Dabei können Trainerinnen als motivationale Verstärker fungieren, indem sie durch positive Rückmeldungen und die entsprechende Schwierigkeit der Bewegungsaufgaben, einen Beitrag zu den erhöhten Erwartungen der Sportlerin leisten. Neben dem direkten Einfluss erhöhter Erwartungen auf den Lernprozess verstärken diese auch die Selbstwirksamkeit, welche den zweiten motivationalen Faktor der OPTIMAL-Theorie darstellt.

Selbstwirksamkeit (“Autonomie“) kann als Grundbedürfnis des Menschen angesehen werden und beschreibt die Fähigkeit, unabhängig sowie selbstbestimmt zu handeln. Autonomie bildet durch eine Erhöhung der intrinsischen Motivation und des Eigeninteresses an der Bewegungsaufgabe eine Bedingung für das motorische Lernen und reduziert gleichzeitig den durch Misserfolge auftretenden Stress. Autonomie-unterstützende Bedingungen bieten außerdem auch eine Möglichkeit zur Erhöhung der Erwartungen an die eigene Leistung, wodurch sich beide motivationale Faktoren verstärken.

Auch die Selbstwirksamkeit einer Sportlerin kann durch die Trainerin bedeutend unterstützt werden, beispielsweise in dem man der Sportlerin Auswahlmöglichkeiten überlässt. Derartige Auswahlmöglichkeiten können im direkten Zusammenhang mit dem Training oder der Therapie stehen, können aber auch gänzlich unabhängig der eigentlichen Bewegungsinhalte sein.

Bei einer trainingsbezogenen Auswahlmöglichkeit erlaubt die Trainerin ihrer Sportlerin etwa die Auswahl darüber, ob das zu trainierende Bewegungsmuster Kniebeuge in Form einer Langhantel- oder Kettlebellkniebeuge ausgeführt wird. Hierdurch wird die Sportlerin aktiv in den Trainingsprozess eingebunden, was zu einer Steigerung der Autonomie führt. Allerdings kann die Selbstwirksamkeit auch durch trainingsunabhängige Auswahlmöglichkeiten angesprochen werden. Bereits die Entscheidungsfreiheit über die Farbe der Kettlebell, mit welcher die Kniebeuge trainiert werden soll oder der Ort, an dem eine Übung innerhalb der Trainingsstätte durchgeführt wird, fördert die Autonomie einer Sportlerin und verstärkt somit das motorische Lernen.

C. Aufmerksamkeitsbezogener Faktor

Als dritter Faktor der OPTIMAL-Theorie wird der externe Aufmerksamkeitsfokus angeführt. Während ein interner Aufmerksamkeitsfokus sich darauf richtet, wie Körperteile innerhalb einer Bewegung koordiniert werden, richtet sich ein externer Fokus auf den intendierenden Effekt innerhalb der Umwelt.

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Um eine Aufrichtung der Brustwirbelsäule zu erwirken, kann die Trainerin eben dazu anleiten, die Brustwirbelsäule aufzurichten, was einem internen Fokus entspricht – dieser wird für die meisten Sportlerinnen undeutlich und nur schwer umsetzbar sein. Stattdessen kann die Trainerin auch dazu auffordern “eine Goldmedaille zu zeigen” oder “die Falten aus der Brustpartie des T-Shirts zu ziehen” – diese beide Aufforderungen legen den Fokus auf einen Effekt innerhalb der Umwelt, wirken somit extern und sind für die Sportlerin leichter umsetzbar.

Im Kontext der Leistungserbringung und des Bewegungslernens ist ein externer dem internen Aufmerksamkeitsfokus vorzuziehen, da dieser bessere Effekte hinsichtlich Präzision, Balance, Kraftproduktion und der subjektiven Anstrengung aufweist. Innerhalb der OPTIMAL-Theorie besitzt der externe Aufmerksamkeitsfokus eine Doppelrolle, da dieser sowohl zur akuten Leistungs- und Lernförderung beiträgt, gleichzeitig aber auch den internen Aufmerksamkeitsfokus reduziert. Ein solcher interner Fokus kann den Lernprozess negativ beeinflussen, indem dieser beispielsweise nach Verletzungen die Bewegungsvariabilität reduziert und zu einer Schmerzintensivierung führen kann. Der von der OPTIMAL-Theorie beschriebene externe Aufmerksamkeitsfokus wirkt außerdem ergänzend auf die Motivation der Sportlerin, da durch die damit verbundene Leistungsverbesserung auch die Erwartung an die eigene zukünftige Leistung erhöht wird. Trainerinnen können einen externen Aufmerksamkeitsfokus vorwiegend durch die richtigen Instruktionen erzeugen.

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Gegenüberstellung externer und interner Instruktionen am Beispiel einer Sprungbewegung:

A) Instruktion mit externem Aufmerksamkeitsfokus: „Drück dich so stark es geht vom Boden weg“

B) Instruktion mit internem Aufmerksamkeitsfokus: “Strecke deine Knie und Hüfte so explosiv wie möglich“

Die drei zentralen Faktoren der OPTIMAL-Theorie - erhöhte Erwartungen, Autonomie und externer Aufmerksamkeitsfokus - wirken durch eine Kopplung des Bewegungsziels und der dafür erforderlichen Bewegungshandlung auf die motorische Leistung und das motorische Lernen („Goal-Action Coupling“). Alle drei Faktoren begünstigen einen Fokus auf das Bewegungsziel, während ein leistungslimitierender Selbstfokus vermieden wird. Die Kopplung der drei Faktoren kann zudem neuroplastische Prozesse fördern, welche langfristig die Entstehung von effizienten sowie flüssigen Bewegungen unterstützen können und typischerweise auf hohen Leistungsniveaus zu beobachten sind.

Grafischer Überblick der einzelnen Komponenten der OPTIMAL-Theorie (nach Wulf, 2018)

D. Implikationen für die Praxis

In der traditionellen Praxis lässt sich der motorische Lernprozess oftmals konträr zur hier vorgestellten OPTIMAL-Theorie beobachten. Trainerinnen geben Feedback oft in Form von Korrekturen und Verbesserungen mit internem Aufmerksamkeitsfokus, was für die Sportlerin zu geringer Autonomie und vermindertem Selbstvertrauen führen kann. Unter solchen Bedingungen sind negative Konsequenzen für die Motivation, Leistung und letztlich auch das Bewegungslernen zu erwarten. Aus der OPTIMAL-Theorie geht hervor, dass Trainerinnen Instruktionen mit externem Aufmerksamkeitsfokus und positiven Rückmeldungen im Kontext von Autonomie-fördernden Bewegungsaufgaben bevorzugen sollten. Eine durch diese Bedingungen erreichte Leistungssteigerung führt bei Sportlerinnen zu erhöhten Erwartungen an die eigene zukünftige Leistung, wodurch sich ein selbstverstärkender Kreislauf bildet, welcher die Motivation langfristig steigern und Lernfortschritte begünstigen kann.


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