A. Einleitung

Das Neuroathletiktraining ist eine Trainingsmethodik, welche in den letzten Jahren einen immer größer werdenden Anhang in der Fitness- und Rehabilitationswelt findet. Dem nahm sich auch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISP) an und verwies unter dem Überbegriff „Chancen neuer (technologischer) Entwicklungen“ auf den bestehenden Forschungsbedarf dieser Trainingsmethode. In diesem Beitrag soll das Neuroathletiktraining kritisch beleuchtet und die Inhalte und Hintergründe der Methodik auf den Prüfstand gestellt werden.

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Neuroathletiktraining
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A.1 Definition

Neuroathletiktraining verfolgt das Ziel der sportlichen Leistungsverbesserung, bei der vernachlässigte oder eingeschränkte Funktionen im Nervensystem durch spezielle Übungen aktiviert oder gezielt trainiert werden sollen (Hutterer, 2020). Basierend auf ähnlichen Mechanismen wird dem Neuroathletiktraining auch ein schmerzreduzierender Effekt nachgesagt (Lienhard, 2019).

A.2 Ursprung

Bekanntheit erlangte das Neuroathletiktraining in Deutschland primär durch Lars Lienhard, welcher diese Methodik u.a. mit der deutschen Fußballnationalmannschaft anwendete. Die Trainingsinhalte und -methoden von Lienhard beruhen in weiten Teilen auf dem Curriculum von Z-Health, welches von dem amerikanischen Chiropraktiker Dr. Eric Cobb gegründet wurde. Dieser wiederum, nutze die klinisch-orientierten Inhalte der sogenannten „funktionellen Neurologie“, stammend von Frederik Carrick, ebenfalls ein amerikanischer Chiropraktiker und transferierte diese Inhalte auf die Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit und die Schmerzreduktion bei Patientinnen in der Rehabilitation.

Die aus der Chiropraktik stammende funktionelle Neurologie als Ursprung des Neuroathletiktrainings basiert auf der Annahme, dass reversible Einschränkungen des Nervensystems (speziell des Gehirns) der Grund für eine Reihe verschiedener Krankheiten und Beeinträchtigungen sein können. Weiterführend geht es bei der funktionellen Neurologie dann darum, diese Einschränkungen des Nervensystems zu identifizieren und defizitäre Neurone und Gruppen von Neuronen positiv zu beeinflussen. Diese positive Beeinflussung kann durch eine Reihe verschiedener Stimuli wie beispielsweise manualtherapeutischen Techniken vorgenommen werden. So bezieht sich die erste Referenz zur funktionellen Neurologie auf eine Publikation aus dem Jahr 1997, bei der Frederik Carrick propagierte, mithilfe von Wirbelsäulenmanipulationen einen Einfluss auf den blinden Fleck der Augen haben zu können.

B. Physiologische Hintergründe & Annahmen

Nach den Ansätzen des Neuroathletiktrainings liegt der Arbeitsweise des Gehirns ein vereinfachtes Modell zugrunde, welches zusammenfassend drei Dinge beschreibt: Zuerst nimmt das Gehirn einen sensorischen Input über die Sinnesorgane wahr, im Bewegungskontext sind diese hauptsächlich die Augen, die Ohren bzw. das Gleichgewichtssystem und die Propriozeption. Danach wird dieser Input im Gehirn verarbeitet und interpretiert, bevor das Gehirn anschließend den nötigen motorischen Output generiert, um eine vorliegende Bewegungsaufgabe zu lösen. Das Gehirn ist demnach der zentrale und wichtigste Ort aller bewegungssteuernden Prozesse. Basierend auf diesem Modell gehen die Verfächterinnen des Neuroathletiktrainings von folgender Kausalität aus: Je präziser die Information, die als sensorischer Input von den Sinnesorganen wahrgenommen wird, desto besser ist die Verarbeitung und Interpretation dieser Signale im Gehirn, was wiederum die letztendliche Bewegungsqualität verbessert, die vom Gehirn und dessen motorischem Output generiert werden kann.

Die Inhalte des Neuroathletiktrainings zielen konkret darauf ab, die Informationsverarbeitung und Interpretation im Gehirn zu verbessern, um davon ausgehend den motorischen Output und die Leistung zu verbessern. Um die Informationsverarbeitung und Interpretation verbessern zu können, gehen Befürworterinnen der Neuroathletik davon aus, dass man mit sog. „neuronalen Übungen“ bestimmte Bereiche des Nervensystems gezielt aktivieren und trainieren kann. Die spezifischen Bereiche des Gehirns, die mit den Übungen der Neuroathletik trainiert werden sollen, orientieren sich an der Neuroanatomie. Bestimmte Gehirnareale und -strukturen stehen annehmlich mit spezifischen Aufgaben in Verbindung. Wird ein Gehirnareal mit neuronalen Übungen trainiert, verbessert dieses Areal seine Funktion, was zu einer Leistungsverbesserung in dessen spezifischer Aufgabe führt.

Derselbe Gedanke wird auch für die Feststellung von Bewegungsdefiziten genutzt, um herauszufinden, welche Struktur des Nervensystems eine Funktionsverbesserung durch das Neuroathletiktraining benötigt. Hierfür werden spezifische Bewegungs- und Wahrnehmungstests angewendet, welche die vermeintliche Funktion eines oder mehrerer Gehirnareale widerspiegeln. Basierend auf den „neuroanatomischen Verbindungen“ zwischen einem solchen Test und dem dafür zuständigen Gehirnareal, kann demnach von Bewegungs- und Wahrnehmungsproblemen auf Dysfunktionen im Nervensystem geschlossen werden und andersherum.

B.1 Ablauf des Neuroathletiktrainings anhand eines Beispiels

Eine Handballspielerin hat beim Sprungwurf Probleme, das linke obere Eck des Tors zu treffen. Die Neuroathletiktrainerin schaut sich die Athletin während des Wurfes an und vermutet, dass die Athletin zum entscheidenden Zeitpunkt des Wurfes das Ziel, also das linke obere Eck des Tors, nicht mit beiden Augen scharf sehen kann. Die Trainerin vermutet, dass das binokulare Sehen der Athletin eingeschränkt ist, weshalb die einzelnen Augen nicht so koordiniert sind, dass sie beide gleichzeitig und deckungsgleich das entsprechende Eck im Tor sehen. Die Qualität der Informationen, welche die Athletin in diesem Fall also von ihren Augen bekommt, ist vermindert. Aus diesem Grund fällt es der Athletin schwer, den entsprechenden Anteil des Tors zu treffen. Nachdem das binokulare Sehen als Dysfunktion herausgestellt wurde, nutzt die Neuroathletiktrainerin einen sog. „Brock-String“ als Trainingsmittel der Wahl (ein optometrisches Instrument, welches aus einer Schnur mit verschiedenen Kugeln besteht, die man auf der Schnur bewegen kann). Anschließend trainiert die Athletin das binokulare Sehen an diesem Brock-String für einige Zeit, bevor eine erneute Testung des Sprungwurfes vorgenommen wird, um den Effekt des Trainings zu überprüfen. Im Idealfall ist durch eine solche Übung dann bereits eine Leistungssteigerung im Post-Test zu erkennen.

Der grundsätzliche Ablauf des Neuroathletiktrainings ist also folgendermaßen: Die Athletin weist Probleme mit einer bestimmten Bewegung auf. Die Neuroathletiktrainerin muss dann das Problem bzw. den informationsverarbeitenden Anteil des Problems identifizieren. Anschließend wird die Informationsaufnahme und -verarbeitung, welche für das Problem verantwortlich zu sein scheint mithilfe isolierter Übungen trainiert, um die korrekte Funktion des entsprechenden Anteils des Nervensystems wiederherzustellen. Schlussendlich kann die isolierte Funktionsverbesserung des spezifischen Areals in die sportliche Zielbewegung re-integriert werden, wodurch es im Vergleich zur Eingangssituation zu einer Leistungsverbesserung kommt.

Diese Leistungsverbesserung ist nach den Ansätzen der funktionellen Neurologie und des Neuroathletiktrainings auf das Erreichen eines sogenannten “central integrated state” (CIS) zurückzuführen. Der CIS bezieht sich auf die Fähigkeit eines Neurons, aktivierende und hemmende Einflüsse zu integrieren und basierend darauf zu “feuern” (Margach, 2017). Neuronale Übungen sind hier vornehmlich als aktivierende Einflüsse auf die Zielneurone zu verstehen, welche deren Polarisationszustand positiv verändern und damit zu einer Funktionsverbesserung führen sollen. Die Dysfunktion im binokularen Sehen der Handballspielerin aus obigem Beispiel basiert nach dem Neuroathletiktraining nicht zwangsläufig auf einer tatsächlichen strukturellen Pathologie (z.B. einem Schlaganfall), sondern möglicherweise auch auf dem, was die funktionelle Neurologie als sogenannte “functional lesion” beschreibt (Margach, 2017). Hiermit ist eine Funktionseinschränkung gemeint, die nicht auf einer strukturellen Veränderung beruht. Ziel der funktionellen Neurologie und des Neuroathletiktrainings ist es dann, diese Läsionen zu identifizieren und aktivierende Einflüsse bestimmter Übungen zu nutzen, um Gruppen von Neuronen im Sinne eines “central integrated state” positiv zu beeinflussen.

C. Kritik

Aus wissenschaftlicher Perspektive steht das Neuroathletiktraining trotz seiner Verbreitung zunehmend in der Kritik, was sowohl auf die neurophysiologischen Hintergründe und Annahmen als auch auf die Qualität der Studien zurückzuführen ist, welche diese Trainingsmethodik untersuchen.

C.1 Neurophysiologische Hintergründe & Annahmen

Das bestimmte Hirnareale für bestimmte Funktionen zuständig sind, ist ein häufig angebrachter „wissenschaftlicher Fakt“, wenn Neuroathletiktrainerinnen ihre Methoden begründen. Dieser vermeintliche Fakt, dass eine spezifische Zuteilung von Gehirnareal und Funktion während bestimmter Bewegungen vorhanden ist, geht aus der Literatur so allerdings nicht hervor (Elliot et al., 2020). Selbst wenn dies der Fall wäre, so hieße das noch lange nicht, dass man mit bestimmten Interventionen Einfluss auf die Aktivität spezifischer Gehirnareale oder Neurone nehmen kann, im Gegenteil:

„Es ist weitgehend unklar, ob die mit dem Training anvisierten Strukturen tatsächlich leistungsphysiologisch relevant sind und ob Effekte auch dort auftreten, wo Neuroathletiker das postulieren. Es gibt bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die bildgebend, physiologisch oder auf Ebene der Neurotransmitter die Effekte an den entsprechenden Stellen zeigen“ (Prof. Dr. Claus Reinsberger, Universität Paderborn, Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin)
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Als analoges Problem dieser Fehlinterpretation lässt sich auch das Wetter nutzen: Nur weil wir gewisse meteorologische Mechanismen des Wetters verstehen, können wir auf das Wetter noch lange keinen Einfluss nehmen!

Neben diesen neuroanatomisch und -physiologisch fragwürdigen Annahmen lässt sich ein weiterer Kritikpunkt im Modul-Denken des neuroathletischen Ansatzes finden. Dieses Modul-Denken ist auf das vereinfachte Modell der Informationsverarbeitung zurückzuführen, bei dem im Trainingskontext davon ausgegangen wird, dass das isolierte Training diverser Wahrnehmungs- und Interpretationsprozesse im Gehirn separat von der eigentlichen sportlichen Zielbewegungen trainiert werden kann. Anschließend erhofft man sich dann, dass der isoliert verbesserte kognitive Prozess zurück in die Zielbewegung integriert werden kann und dort zu einer Leistungsverbesserung führt. Ein solches Modul-Denken ist mit dem Ansatz der verkörperten Wahrnehmung nicht zu vereinbaren und widerspricht diesem in höchstem Maße. Wahrnehmung bedarf der Fähigkeit, (spezifizierende) Informationen aus der Umwelt zu identifizieren und zu verarbeiten, diese mit den existierenden motorischen Kapazitäten zu integrieren und dadurch eine gekoppelte Wahrnehmungs-Handlungs-Interaktion zu erschaffen (05. Wahrnehmung & Handlung). Trainingseffekte in der Informationsverarbeitung lassen sich durch ihren spezifischen Charakter ausschließlich in der exakten Umwelt produzieren, in der sie trainiert wurden, mit minimalem Transfer in verwandte Situationen. Die Athletin aus unserem Beispiel verbessert sich nach der Neuroathletik-Intervention also wohl darin, die Kugeln des Brock-String binokular zu sehen, nicht aber spezifisch darin, die linke obere Ecke des Tors schärfer wahrzunehmen.

Hinzu kommen weitere potenzieller Erklärungen, wieso es nach der Neuroathletik-Intervention zu einer kurzfristigen Leistungsverbesserung kommen kann, die nichts mit dem Inhalt der eigentlichen Intervention zutun haben. Hier ist unter anderem der “Novelty Effekt” zu nennen, bei dem die Leistungssteigerung schlichtweg auf ein erhöhtes Interesse an der neuen Intervention zurückzuführen ist, oder ein simpler Lerneffekt, der die Leistung vom Pre-Test zum Post-Test verbessert. Auch eine Leistungsverbesserung basierend rein auf der allgemeinen Leistungsschwankung von Versuch zu Versuch ist denkbar und sollte bedacht werden, wenn die positiven Effekte des Neuroathletiktrainings evaluiert werden.

C.2 Studienlage

Der zweite zentrale Kritikpunkt am Neuroathletiktraining und vor allem dessen Ursprung in der funktionellen Neurologie, ist sowohl in der Quantität als auch Qualität der Studien zu sehen, die in Verbindung mit der Methode stehen.

Zwar wird von den Befürworterinnen der Neuroathletik oftmals eine starke wissenschaftliche Basis angebracht, jedoch bezieht sich diese fast ausschließlich auf Grundlagenforschung aus den Bereichen der Neurowissenschaft, welche, wie oben bereits beschrieben, von Anwenderinnen häufig falsch interpretiert wird. Fakt ist, dass es zu dieser Trainingsmethodik keine wissenschaftliche Untersuchung gibt, welche die Effekte dieser Methodik in einem Ausmaß testet, die dem wissenschaftlichen Goldstandard (also einem RCT) entspricht. Zwar sind einige internationale Publikationen im Kontext der funktionellen Neurologie zu finden, allerdings umfassen diese einen kleinen Kreis wiederkehrender Autoren, welche in direktem und/oder finanziellem Interesse mit den Ansätzen der funktionellen Neurologie stehen. Außerdem fallen diese Studien durch nicht validierte Tests, schwer nachzuvollziehende Testinterpretationen, fehlende Kontrollgruppen und wenig transparentes Vorgehen mit methodisch unzulässigen Experimenten auf.

„Therefore we found no acceptable evidence that could support the notion that the FN (functional neurology) approach has an effect or a benefit on the supposed indications tested, whether this was done on symptomatic or asymptomatic subjects” (Meyer et al., 2017)

Generell scheint dem Neuroathletiktraining von Seiten der klassischen Neurologie nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu werden. Diese vermeintliche Unterrepräsentation des Neuroathletiktrainings in der Wissenschaft kann zwei mögliche Gründe haben. Entweder Studien, welche diese Methode untersuchen, lieferten bislang Null-Resultate und wurden aufgrund eines Bias für positive Resultate nicht publiziert, oder, und dies ist wahrscheinlich der näher liegende Grund, der neurophysiologische Hintergrund des Neuroathletiktrainings ist schlichtweg nicht ausreichend, um Interventionsstudien dieses Trainingsansatzes zu rechtfertigen.

Ein letzter Punkt, der in der Kritik an den Ansätzen des Neuroathletiktrainings nicht zu vernachlässigen ist, bezieht sich auf die trainierte Population. Defizitäre Funktionen in der Wahrnehmung in Richtung eines „Normalniveaus“ zu verbessern (z.B. Augenklappen bei Kindern) ist etwas ganz anderes, als Personen, welche auf dem Nullpunkt der Funktion starten, „besser“ zu machen. So werden etwa die Methoden der Optometrie seit Jahrzehnten erfolgreich zur Therapie von visuellen Dysfunktionen genutzt. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine solche Therapie visuell-unbeeinträchtigte Personen besser sehen lässt, wie es vom Neuroathletiktraining verbreitet wird.

D. Zusammenfassung

Im Neuroathletiktraining wird davon ausgegangen, dass Wahrnehmungs- und Kognitionsprozesse und die danach folgende Informationsverarbeitung im Gehirn isoliert von den spezifischen Informationen der Umwelt einer sportlichen Bewegung trainiert werden können. Ein solches Modul-Denken widerspricht zentralen Aspekten der motorischen Kontrolle wie der Wahrnehmungs-Handlungs-Interaktion, bei der eine Verbesserung der Wahrnehmung ausschließlich durch die individuelle und umweltspezifische Einstellung auf spezifizierende Information geschehen kann.

„Die Ansätze sind oft gut und spannend, aber ich fürchte, dass das ZNS hier stark vereinfacht wird und anatomische und physiologische Aspekte selektiv herausgegriffen werden, weil wir sie dann glauben trainieren zu können“ (Prof. Dr. Claus Reinsberger)

Vielen Annahmen hinter dem Neuroathletiktraining fehlt jegliche wissenschaftliche Evidenz, da bis zum jetzigen Zeitpunkt unklar ist, ob die beschriebenen Trainingsinterventionen tatsächliche physiologische Veränderungen hervorrufen und welchen Einfluss ein solches Training tatsächlich auf das Ausüben der Zielsportart bzw. Zielbewegung hat. Auch sollte bezweifelt werden, ob das Neuroathletiktraining tatsächlich in der Lage ist, Schmerzen basierend auf den propagierten Mechanismen zu reduzieren. Tatsächlich könnte man dieser Trainingsmethodik möglicherweise sogar vorwerfen, völlig gesunde Sportlerinnen durch eine Fokussierung auf vermeintliche neuronale Dysfunktionen grundlos zu pathologisieren.


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