Theorie des Lernens 1:

Was bedeutet “Lernen”?

A. Warum Lerntheorie?

Eine zentrale Aufgabe für Trainerinnen und Therapeutinnen ist die Vermittlung von bewegungs- und gesundheitsbezogenen Kompetenzen, um eine Verhaltensänderung bei Sportlerinnen zu initiieren. Das kann sowohl Faktenwissen, beispielsweise bei der Schmerzedukation oder der Besprechung des Trainingsplans sein, als auch neue Verhaltensweisen und Bewegungsmuster. Dementsprechend ist man als Trainerin immer Lehrende und hat das Ziel, Inhalte zu vermitteln, die sich nachhaltig bemerkbar machen. Gleichzeitig arbeitet man als Bewegungsexpertin in einem Feld, welches sich ständig weiterentwickelt. Daraus ergibt sich die Herausforderung selbst möglichst effizient auf dem neusten Stand zu bleiben und Fortschritte zu machen. Für beide Zwecke lohnt es sich, mehr darüber zu wissen, wie unser Gehirn neue Informationen wahrnimmt, verarbeitet und speichert, sowie welche sonstigen Aspekte im Lernprozess eine Rolle spielen.

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Theorie des Lernens 1: Was bedeutet “Lernen”?
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B. Lernen und Wissenserwerb als subjektive Erfahrung

Viele Menschen denken bei dem Wort „Lernen“ wahrscheinlich als Erstes an die Schule. Das ist nicht verwunderlich bei der Institution, die vom Staat etabliert wurde, um allen Mitgliedern die Grundlage für den Erhalt und die Fortführung der Gesellschaft zu vermitteln. Die Schule nimmt viele Stunden des Lebens in einem prägenden Alter ein, sodass für eine typische Lernsituation die erste Assoziation für viele Menschen Frontalunterricht ist. Mit welchen Gefühlen jemand an diese Lernsituation zurückdenkt - fiel das Lernen schwer oder leicht, konnte man sich gut konzentrieren oder fand es eher langweilig - ist hingegen individueller. Wer gut in der Schule war, geht wahrscheinlich weiterhin selbstbewusst an den Wissenserwerb heran. Die Erfahrung, dass es in der Schule schwierig war, die geforderten Leistungen zu erbringen, führt hingegen eventuell zur Ansicht, dass man generell „nicht gut im Lernen“ ist. Eine signifikante Anzahl an Kindern lernt in der Schule jedenfalls, dass sie schlecht in Mathematik sind (Dowker et al., 2016). Diese Beispiele, in denen sich wahrscheinlich jeder in einem bestimmten Bereich des Spektrums wiederfinden kann, zeigen anschaulich, dass es schwierig ist nichts zu lernen. Das heißt, statt im Deutschunterricht zu lernen, wie man eine gute Gedichtsanalyse schreibt, bleibt durch die Notengebung oder Probleme bei der Umsetzung lediglich hängen, dass man schlecht darin ist. Lernen findet somit auch immer unbewusst statt und wird vom Umfeld mit beeinflusst.

Ähnliche Beispiele finden sich ebenso im Sportkontext. Hat jemand schon in der Schule die Erfahrung gemacht „unsportlich“ zu sein, kann es deshalb auch im Erwachsenenalter als schwierig empfunden werden, regelmäßig Bewegung in den Alltag zu integrieren. Analog ist es für eine, von Kindesbeinen an sportbegeisterte und wettkampforientierte Person schwierig, infolge einer Verletzung auf ihr geliebtes Hobby zu verzichten.

C. Was ist „Lernen“ jetzt eigentlich genau?

Im Buch „How We Learn“ schaut sich Stanislas Dehaene (2020), ein französischer Professor für experimentelle kognitive Psychologie dieses Thema von der neurowissenschaftlichen Seite an und fasst aktuelle Erkenntnisse zusammen. Für ihn bedeutet Lernen, sich ein internes Modell der externen Welt zu bilden. Um diese Definition besser zu verstehen, wird es im weiteren Verlauf dieser Reihe um Schlagworte wie Neuroplastizität und Predictive Processing gehen.

Möchte man die Ansicht vom Gehirn auf den gesamten Menschen erweitern, lohnt es sich, die Theorien von Knud Illeris (2007), einem dänischen Professor für lebenslanges Lernen heranzuziehen. Laut ihm werden dem Wort „Learning“ (das Lernen bzw. das Gelernte) vier generelle Hauptbedeutungen zugeschrieben.

  1. Wird von einem Learning gesprochen, kann das Resultat des Lernprozesses, der in einem Individuum stattfindet, gemeint sein. Dabei wird ausgedrückt, was gelernt wurde oder es wird verwendet, um die stattgefundene Veränderung zu bezeichnen.
  2. Das Wort Learning kann außerdem für die mentalen Prozesse stehen, die die unter Punkt eins genannte Veränderung oder das Resultat in Gang setzen. Sie werden als Lernprozess bezeichnet und überwiegend in der Psychologie, aber auch in den Neuro- und Sozialwissenschaften untersucht.
  3. Learning beinhaltet sowohl den Interaktionsprozess zwischen Individuen als auch mit ihrer materiellen und sozialen Umgebung. Beide Prozesse, ob direkt oder indirekt, sind Vorbedingungen für den inneren Lernprozess, der in Bedeutung zwei enthalten ist und zum Lernen aus Bedeutung eins führen kann.
  4. Zuletzt wird Learning häufig nicht nur in Alltagssprache, sondern auch in offiziellen und professionellen Kontexten mehr oder weniger synonym mit Unterrichten verwendet. Das zeigt, dass eine generelle Tendenz besteht, die Worte für Unterrichten und Lernen zu verwechseln.

Während die vierte Bedeutung offensichtlich unsachgemäß sei, haben die anderen drei laut Illeris unterschiedliche Bedeutsamkeiten und eine Existenzberechtigung. Trotzdem ist es im Alltag manchmal schwierig, zu erkennen, welche Bedeutung gemeint ist. Er definiert deshalb Lernen allgemein auch als …

… jeden Prozess, der in lebenden Organismen zur permanenten Kapazitätsveränderung führt und welcher nicht ausschließlich aufgrund von biologischer Reifung oder Alterung stattfindet.

Der Vorteil dieser Definition ist die Offenheit, die es erlaubt, unnötige Limitationen zu vermeiden. Das heißt, sie schließt viele verschiedene Erklärungen wie “Lernen ist Fehler minimieren” oder “Lernen bedeutet eine Belohnungsfunktion optimieren” mit ein, ohne, wie es diese Definitionen tun, andere Erklärungsmöglichkeiten auszuschließen. Ausschlaggebend sei vordergründig, dass Lernen eine mehr oder weniger permanente Veränderung impliziert. Das Gelernte wird erst nach und nach vergessen, weil es vom Organismus nicht länger benutzt wird, gemäß dem Motto “use it or lose it”. Seine Definition ist ein guter Startpunkt für die weitere Betrachtung. Sie deckt eine Reihe von Prozessen wie Sozialisation, Qualifikation, Kompetenzentwicklung und Therapie mit ab. Sie stellen spezielle Typen beziehungsweise verschiedene Blickwinkel des Lernens dar und sind im Sport- und Gesundheitswesen alle gleichsam relevant. Bezieht man diese Prozesse mit ein, wird auch schnell klar, dass Lernen ein breit gefächerter und komplexer Vorgang ist. Er wird nicht nur in der Psychologie und den Neurowissenschaften untersucht, sondern ist genauso in einen sozialen und gesellschaftlichen Kontext gebettet, der Impulse setzt und den Rahmen dafür schafft, was gelernt wird und wie. Lernen hat also sowohl eine individuelle als auch soziale Seite. Jedoch kann weder eine rein individuelle-, noch eine rein soziale Orientierung ein komplettes oder „richtiges“ Verständnis bereitstellen. Es sollte deshalb nicht der Fehler gemacht werden, künstlich ein binäres Entweder-oder-Problem zu konstruieren.

D. Ausblick

Es ist gerade in Professionen wie den Sportwissenschaften und der Physiotherapie wichtig zu berücksichtigen, dass, selbst wenn Lernen als psychologisches Phänomen untersucht wird, der Körper nicht nur eine Rolle spielt, wenn es um eindeutig körperliche Tätigkeiten wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren geht. Lernen wird abgesehen von solchen klaren körperlichen Prozessen häufig als rein mentaler Vorgang verstanden, dabei ist tatsächlich fast das Gegenteil der Fall. Wie andere mentale Prozesse ist Lernen etwas, das im Körper verortet ist und sich gemeinsam mit der Entwicklung des Menschen und deren Vorfahren über Millionen Jahre entwickelt hat. Lernen findet im Gehirn und Nervensystem statt, wobei es sich um spezialisierte Teile des Körpers handelt. Möchte man demnach verstehen, wie die vorhandenen Lernkapazitäten sich entwickelt haben und wie Lernen funktioniert, ist es notwendig, das weiterhin vorherrschende, westliche Verständnis von einer Trennung von Körper und Seele außer Acht zu lassen und darüber hinauszugehen. Wird im Schulkontext häufig die körperliche Komponente als wichtiger Aspekt für den Lernprozess nicht berücksichtigt, steht in der Medizin meistens der Körper im Vordergrund. Mentale Prozesse werden erst herangezogen, wenn auf biomedizinischen Wegen keine Lösung gefunden werden kann. Sich mit dem Thema Lernen zu beschäftigen, führt also im besten Falle zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Menschen, die mit einer bestimmten Erwartung Sportwissenschaftlerinnen oder Physiotherapeutinnen aufsuchen.


Literatur

  1. Dehaene, S. (2020). How we learn: Why brains learn better than any machine... for now. ISBN 9780525559887.
  2. Dowker, A., Sarkar, A., & Looi, C. Y. (2016). Mathematics anxiety: What have we learned in 60 years? https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.00508
  3. Illeris, K. (2007). How we learn: Learning and non-learning in school and beyond. ISBN 0-203-93989-1.
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